
Mit Visionen ist es so eine Sache, Altbundeskanzler Helmut Schmidt meinte einmal, wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen. Die LfL versteht unter Braunvieh-Vision ein genomisches Zuchtprogramm mit dem Ziel der Schärfung des Rasseprofiles Braunvieh durch intensive Bearbeitung von Merkmalen aus dem Bereich Gesundheit, Fitness und Vitalität von Kälbern. Was immer das auch heißen mag, ich verstehe es nicht. Wer "Vision" googelt erhält folgende Antwort: "Eine Vision beschreibt einen wünschenswerten Zustand in der Zukunft. Wie sieht die Zukunft aus, wenn unsere Vision Wirklichkeit geworden ist? Idealerweise beschreibt die Vision ein realistisches Ziel in der nicht zu fernen Zukunft." Auf die Braunviehzucht projiziert heißt das für mich, wir müssen uns im Kopf einen Plan zurechtrücken der Beschreibt wie die Braunviehkuh der Zukunft aussehen muss und was sie können muss. An dieser Stelle blende ich mal die "Visionen" (wenn überhaupt vorhanden) der Zuchtleitung, der Besamungsstationen und der Zuchtverbände (gibt es noch einen Braunviehzuchtverband in D?) aus - bringt ja nix!
Vielmehr möchte ich in Kürze versuchen zu skizieren was der Milchviehhalter von einer Kuh der Zukunft erwartet.
- Eine wirtschaftliche Milchleistung
Keine Frage, wir brauchen Kühe die Kombination mit einem guten Fett- und Eiweißgehalt Milch geben. Aber wie viel Milch? Die Pfeiler der Milchleistung sind Genetik, Fütterung und Management. Klammern wir zuerst einmal die Genetik aus und beginnen mit der Fütterung. Diese setzt sich aus dem Grundfutter und dem Kraftfutter zusammen. Die Basis des Grundfutters ist im Allgäu, Österreich und der Schweiz ist Gras. In vielen anderen Regionen spielt Gras allerdings mittlerweile eine untergeordnete Rolle, es wurde abgelöst von Maissilage. Mais ist billig in großen Massen zu erzeugen, er ist ernährungsphysiologisch vorteilhaft und er liefert megaviel Energie je Hektar Anbaufläche. Was man ergänzend für eine hohe Milchleistung dazu braucht ist Eiweiß. Das wertvollste Eiweiß liefert die Soja-Bohne und diese wird hauptsächlich billig aus Übersee (Südamerika und den USA) importiert. Speziell in Südamerika werden Regenwälder dafür gerodet, Indianervölker ausgerottet (die USA haben das schon hinter sich) und Gift gespritzt dass es kracht! Umweltpolitisch, etisch und auch aus christlicher Sicht ist das eine Katastrophe. Weil das so ist, wird sich hier etwas ändern. Eiweiß in der Tierfütterung wird in Zukunft noch teurer werden und muss sich eigentlich auf die heimische Produktion (Gras, Leguminosen, Raps, Erbse, Ackerbohne, Lupine) konzentrieren. Um die Flächen dafür in Deutschland zu generieren wird Mais und Getreide verdrängt werden. Auch hier werden die Preise dann steigen. Das wird nicht heute passieren, das wird nicht morgen passieren aber es wird so kommen. Bezüglich unserer Zucht-Vision ist das also ein wichtiger Aspekt. Gras wird in der Fütterung wieder an Bedeutung gewinnen und die Verfügbarkeit von Energie und Eiweiß aus Kraftfutter wird sinken beziehungsweise teuer werden. Im Biosektor sind wir bereits an diesem Punkt angekommen. Herdenleistungen jenseits der 9.000 kg Marke sind selten oder extrem teuer erkauft. Das ausfüttern extrem auf Milchleistung gezüchteter Kühe ist im Bio-Bereich schon jetzt eine Herausforderung. Das Thema Weidhaltungspflicht verschärft die Thematik zusätzlich. Hier sind schon heute Kühe gefragt, die mit den vorhandenen begrenzten Ressourcen auskommen und dabei bei guter Gesundheit eine wirtschaftliche Milchleistung erzielen. Kühe die dem gerecht werden, müssen spätreif sein (Leistungssteigerung von Laktation zu Laktation), brauchen eine flache Laktationskurve mit moderater Einsatzleistung und sie brauchen ausreichend Körpersubstanz um kurzzeitige Energiedefizite ohne Folgeschäden für Gesundheit und Fruchtbarkeit überbrücken zu können. Wer auf Viehschauen Einsatzleistungen von knapp 30 kg und Jahresleistungen von über 8.500 kg fordert denkt kurzfristig und verkennt die Herausforderungen der Zukunft. Wer im Jetzt züchtet muss den Markt von morgen im Blick haben! Von seiner Grundveranlagung wäre das Braunvieh hier im Rassevergleich bestens aufgestellt, allerdings wird dieser Vorsprung aktuell mit Füßen getreten. Wer immer mehr (Kraftfutter-) Milch auf Kosten der Inhaltsstoffe und der Fitness (Nutzungsdauer, Fruchtbarkeit) generieren will, begeht rassepolitischen Selbstmord. Deshalb, Braunvieh ist eine spätreife Rasse. Die erste Laktation darf nicht zu hoch bewertet werden, wenn das Potential zur Leistungssteigerung und eine gute Persistenz genetisch verankert sind. Diese Voraussetzungen kann man aus meiner Sicht nur erfolgreich züchterisch bearbeiten, wenn man mit alten Kühen (5 und mehr Kälber) als Bullenmütter arbeitet. Wir machen seit Jahrzehnten genau das Gegenteil und fahren damit voll gegen die Wand.
2. Ein funktionelles Exterieur
Leistung oder Exterieur? Beides ist wichtig und ohne das eine ist das andere nichts Wert. Was hilft die höchste Leistung wenn die Kuh unter ihr zusammenbricht und was hilft die schönste Schaukuh wenn sie keine Milch gibt? Dabei ist Schönheit wie wir alle wissen immer relativ und auch beim Rindviech gilt: Schönheit vergeht, Funktionalität beseht!
In den letzten Jahren habe ich beobachtet, dass auf den Schauen die Gruppen der Jungkühe immer größer wurden und die der Altkühe immer kleiner. Die hohen Milchleistungen fordern oder besser überfordern die meisten Kühe. Hinzu kommt die Selektion auf Frühreife. Wer "Teenager" besamt will schnell früh und am besten noch viel Milch. Das Zuchtwertmodell belohnt die Frühreife indem die 1. Laktation besonders hoch bewertet wird. Aber bedenke: Früh fertig heißt leider auch oft früh fertig! Wir bekommen dadurch Kühe mit viel Rahmen denen es in der Regel an breite und Substanz fehlt. Diese Tiere brauchen Futterratioen mit höchster Nährstoffdichte und verzeihen keine Managementfehler. Noch rechnet sich der "High-Input" in der konventionellen Milchwirtschaft, aber wie lange noch? Die Kapriolen des Klimawandels (Hitze, Trockenheit, Unwetter, Dauerregenperioden) machen jede Ernte mittlerweile zum Roulette-Spiel. Die Getreidevorräte schrumpfen seit Jahren. Futtergetreide profitiert aktuell noch davon, aber Eiweiß ist weltweit ein immer knapperes gut. Im Öko-Bereich sind die Zeiten kostengünstigen Kraftfutters hingen längst vorbei. Setzt die Mehrheit also auf das falsche "Pferd"? Wenn ich mit Kollegen spreche, höre ich immer den Ruf nach der problemlosen Kuh. Die "genug" Milch gibt, aber gleichzeitig gesund und fruchtbar ist. Züchten wir beim Braunvieh solche Kühe? Wir wollen es , aber wir tun es nicht! Der Grund dafür ist ein Systemfehler. Wir züchten mit immer jüngeren Tieren und hoffen dadurch auf den schnellsten Zuchtfortschritt. Von diesen Tieren haben wir in der Regel nur Zahlen aus dem Computer. Die alten Kühe von denen wir wissen was sie können, schließen wir aus der Zucht konsequent aus. Das ist das Dilemma in dem wir stecken. Gefühlt bin ich der einzige der seit Jahren dagegen anschreibt. Aber während der Hund bellt, zieht die Karawane weiter und alle dackeln hinterher. Ein Lob geht an dieser Stelle an die Stiernhaltervereinigung in der Schweiz. Sie haben das Problem erkannt und handeln intuitiv richtig. Ein deutscher Ableger währe dringend notwendig. Selbes gilt für Österreich und Italien. Wie muss das Exterieur einer problemlosen Braunviehkuh nun aussehen? Eine allumfassende Antwort kann ich darauf nicht liefern, nur soviel: Sie darf nicht zu groß und nicht zu klein sein, sie darf nicht zu schmal und nicht zu breit sein, sie darf nicht zu dünn und nicht zu dick sein, sie braucht ein hervorragendes Fundament mit nicht zu steilen und nicht zu gewinkelten Hinterbeinen, sie braucht harte, hohe Klauen, und staubtrockene Gelenke, sie braucht eine leicht geschwungene Oberline und ein leicht nach hinten geneigtes Becken ohne Senkscheide, sie braucht im Alter ausreichend Tiefe und Breit für eine gute Grundfutteraufnahme, und sie braucht ein gutes Euter. Dieses muss als Jungkuh klein und drüsig sein damit es bis ins hohe Alter über den Sprunggelenken aufgehängt bleibt. Hintereuterhöhe und -breite sind wichtig werden meiner Meinung nach aber überbewertet. Wir brauchen einen flachen Euterboden und Zitzenspitzen in einer horizontalen Anordnung. Worauf wir unbedingt achten müssen ist, dass die Zitzen nicht zu kurz werden und nicht zu dick. Ganz schlecht sind lange dicke Zitzen und extrem kurze dünne Zitzen. Die Strichplatzierung darf nicht zu weit und nicht zu eng sein und die Sitzen müssen in gefülltem Zustand senkrecht nach unten zeigen.
Wenn ich mir das Bild einer solchen Kuh vor Augen führe schießt mir keine Fleckviehkuh in den Sinn, es schießt mir keine Holsteinkuh in den Sinn - es ist eine BRAUNE!
Und auf den Punkt gebracht ....
