Inzucht - eine schleichende Gefahr

Grafik: ORB
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In der aktuellen Januar-Ausgabe von MILCHRIND wurde die Inzuchtproblematik bei Brown Swiss und Fleckvieh beschrieben. Dr. Reiner Emmerling von der LfL nahm dazu Stellung. Obwohl viele Brown Swiss Bullen bereits vielfach so verwandt zueinander seien wie Halbgeschwister, sieht er die bisherige Entwicklung unkritisch. Das hat mich aufhorchen lassen und ich stellte mir die Frage welche Anzeichen vorliegen müssen, damit von einer Inzuchtdegression gesprochen werden kann. Ich zitiere an dieser Stelle Ausschnitte eines Fachartikels den ich auf der Seite www.orgprints.com gefunden habe und dessen Inhalte auf eine Expertenbefragung gründen. Inzucht in Rinderpopulationen – Ergebnisse einer Expertenbefragung Vollmer, H.1, Spengler Neff, A.2, Hörning

 

"Zusammengefasst zeigen die Ergebnisse, dass sich Inzucht negativ auf die Milchleistungsmerkmale auswirken kann, die Werte schwanken aber. Zudem kann Inzucht negative Auswirkungen auf Fruchtbarkeit, Abkalbeeigenschaften, Vitalität der Kälber und Nutzungsdauer haben. Ob Inzucht auch negative Auswirkungen auf die Eutergesundheit hat, ist durch unterschiedliche Ergebnisse nicht eindeutig belegt. Auch werden negative Auswirkungen der Inzucht auf die Spermaqualität und -quantität beim Bullen beschrieben."    

 

Unterhält man sich mit Kollegen über die aktuelle Braunviehzucht, höre ich immer häufiger Klagen die auf oben beschriebene Problemen gründen. Besonders das Thema Fruchtbarkeit scheint in der Fläche angekommen zu sein.  Sind dies schon Folgen einer Inzuchtdegression? Wirkt diese bereits degressiv auf die Entwicklung unserer Rasse ein? 

 

Fakt ist, bei der Entwicklung der Rasse Brown Swiss   in den USA hat Inzucht eine große Rolle gespielt. Die gesamte Population dort entstand aus wenigen Gründungstieren und gezielter Inzucht von eng miteinander verwandten Tieren.  Geschwisterpaarungen, Mutter-Sohn-Paarungen waren ein weit verbreitetes Hilfsmittel  um positive Eigenschaften innerhalb der Rasse zu festigen. Wir sprechen hier heute von einem Flaschenhalseffekt.   Als genetischen Flaschenhals bezeichnet man in der Populationsgenetik eine starke genetische Verarmung einer Art und die damit verbundene Änderung der Allelfrequenz, die durch Reduktion auf eine sehr kleine, oft nur aus wenigen Individuen bestehende Population hervorgerufen wird. Ein genetischer Flaschenhals kann langfristig und subtil Inzuchtdegression zur Folge haben (Quelle Wikipedia). 

 

Diskutierte man vor 25 Jahren das Thema "Outcross" noch aktiv in der Fachpresse, ist heute darüber kaum noch etwas zu hören. Meine Erklärung dafür ist, es gibt in Zeiten der genomischen Selektion keine reingezüchteten Outcrossbullen mehr. Selbst wenn es sie geben würde, hätten sie unterirdische Genomics und würden durch alle Raster fallen. Nur "extrem hoch" gepaart mit "extrem hoch" liefert die gewünschte Zahlenexplosion im Computer. Und hoch mit hoch gepaart bedeutet in einer genetisch schon ohnehin verarmten Population automatisch INZUCHT. Addiert man diese Entwicklung mit dem oben beschriebenen Flaschenhalseffekt den die Rasse als Altlast schon immer mit sich herumträgt, könnten wir uns ohne es zu wissen, bereits in einem ausgewachsenen Inzuchtdilemma befinden. 

 

Ich möchte hier jetzt aber nicht den Teufel an die Wand malen, rate aber jedem  zur Analyse der Pedigrees der aktuell 10 führenden Bullen der Zuchtwertschätzung Braunvieh vom Dezember 2024 (ZAR Rind). Jedem der ein Pedigree findet wo nicht  Hussli, Vasir oder Ensign mindestens 1mal vorkommen zahle ich eine Halbe. Wer meint die Schweiz sei die Lösung dem sei angemerkt. Die Schweizer schmoren in der Gordon-und Nesta-Falle was fast noch schlimmer ist.  Vollkommen unterirdisch ist die Lage allerdings in der Hornloszucht, wo viele Kenner schon heute nur noch von Hirnloszucht sprechen. Hier sind die Blutlinien noch enger und der praktizierte Weg eigentlich unverantwortlich. 

 

Wege aus der Inzucht

 

Sollten wir ein Inzuchtproblem mit augenscheinlicher Inzuchtdegression haben, welche Wege führen heraus?

 

  1. Kreuzung

Der einfachste und schnellste Weg ist die Kreuzungszucht. Diese bringt völlig neues Blut und sorgt auch dank Heterosiseffekt für herausragende Tiere in der F1-Generation. Danach wird es kompliziert. Wer bei der Rasse Braunvieh bleiben möchte und eine Rückkreuzung in Erwägung zieht,  sollte Ähnliches mit Ähnlichem kreuzen. Angler und Original Braunvieh aus der Schweiz wären hier denkbar. Auch die Zuchtorganisationen müssen sich dem öffnen und Rückkreuzungen schneller wieder ins Herdbuch aufnehmen. Die Zeiten einer sturen Rassepolitik ist angesichts dramatisch rückläufiger Kuhzahlen überholt. Kreuzung muss als Chance für die Braunviehzucht genutzt werden. Natürlich muss das ganze fachlich betreut werden. Der "Typ Braunvieh" muss hier konditionell und farblich im Focus bleiben. 

 

2. Der Deckbulle

 

Der Deckbulle gehört für mich  zu einem der wichtigsten Hilfsmittel um die eigene Herde züchterisch zu verbessern und jeder Braunviehzüchter der die Möglichkeit dazu hat sollte sie individuell nutzen. Der Erfolg ist dabei natürlich keine Selbstverständlichkeit. Es gehört jede Menge Wissen, Erfahrung und Fingerspitzengefühl dazu den richtigen Bullen für den Deckeinsatz auszuwählen. Auch die Haltung muss passen und  der Umgang mit einem Stier muss erlernt sein. Vorsicht ist immer geboten! 

Ich persönlich arbeite nur mit Stieren aus der eigenen Aufzucht, hier kenne ich die Stärken der Mutterlinie und kann gezielt anpaaren. Bevorzugt arbeite ich auch mit Stieren aus alten Kühen die bewiesen haben was sie können. Selbes gilt für den Vater. Auch hier setze ich auf sicher geprüfte Vererber, von denen man weiß was sie können und was nicht. Der Zuchtwert ist mir vollkommen egal.  Eine Typisierung solcher "Anwärter" ist überflüssig, da die Ergebnisse fast immer enttäuschend sind. Alte Genetik wird von den Rechenzentren gnadenlos abgestraft und verunsichert nur unnötig. Folgt eurem Instinkt , dem Bauchgefühl und dem Züchterauge dann liegt ihr meistens nicht daneben. Der Deckbulle ist für mich ein Stück  Freiheit, denn ich bestimme welches Blut in den Adern meiner Kühe fließt und welches nicht. 

Und was hat das mit Inzuchtvermeidung zu tun? 

An dieser Stelle zitiere ich wieder aus dem Fachartikel Inzucht in Rinderpopulationen – Ergebnisse einer Expertenbefragung Vollmer, H.1, Spengler Neff, A.2, Hörning: "Allgemein wird von den Experten eine größere Gefahr in der nicht kontrollierten Inzucht gesehen als in der bewusst eingesetzten Inzucht als Zuchtmethode. Nicht kontrollierte Inzucht geschieht laut Experten vor allem durch den häufigen Einsatz gleicher Bullen bei der künstlichen Besamung. Dagegen wird die Gefahr der Inzucht beim Einsatz des Natursprungs als nicht so hoch eingeschätzt. Weiterhin wird die Gefahr der Inzucht nicht abhängig gesehen von der absoluten Größe einer Population, sondern von der vorhandenen Linienanzahl; von der effektiven Populationsgröße, von dem Können und der Konsequenz der Züchterinnen und Züchter und von ihrem Wissen über die Tiere. Zudem müsse man beachten, dass es sich beim Inzuchtkoeffizienten um einen theoretischen Wert handle. Eine Inzuchtgrenze theoretisch und nicht betriebs- oder populationsbezogen festzulegen, wurde als nicht sinnvoll erachtet."

Inzucht ist also partout nicht grundsätzlich negativ, wichtig ist dass sie nicht unkontrolliert stattfindet, so wie es in der künstlichen Besamung seit Jahrzehnten augenscheinlich auf der Tagesordnung steht. 

 

Abschließend möchte ich betonen, dass es Inzucht auch in der Natur gibt und viele Arten relativ unsensibel darauf reagieren. Es gibt aber  kritische Punkt die man nicht überschreiten sollte. Viele Fakten sprechen mittlerweile dafür, dass wir uns beim Braunvieh in der Nähe eines solchen kritischen Punktes befinden könnten.  Die Gefahr einer schleichenden bzw. akuten Inzuchtdegression  sollte im Hinterkopf behalten werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

  Folgerungen & Forderungen Die Steigerungen der Milchleistungen sind nur zu einem geringen Teil der Rinderzucht geschuldet.Von weitaus grö ßerer Bedeutung war die Intensivierung der Fütterung. Einseitig auf Milchleistung hin orientierte Rinderzucht führt – zusammen mit den modernen Rinderhaltungs systemen – zu einer Abnahme von Vitalität und zu zuneh menden gesundheitlichen Problemen im Stall. Die Land wirte versuchen darauf mit Einkreuzung anderer Rassen zu antworten. Als Folge der Konzentration auf einige wenige Bullen ermöglicht durch künstliche Besamung in Verbindung mit neuen Reproduktionstechniken und dem weltweiten Han del mit Samen – hat die Inzucht stark zugenommen und ist zu einem großen Problem geworden. Notwendig ist daher nicht nur eine Rinderzucht auf Dau erleistung und Tiergesundheit, sondern auch eine neue Inwertsetzung des Natursprungs